Pietismus und evangelikale Bewegung: Persönliche Gotteserfahrung und freiwillige Hingabe


0. I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

0. Inhaltsverzeichnis

1. Aktuelle einleitende Worte (Jesus Tag 2000)

2. Einleitende Grundsatzfragen

3. Geschichtlicher Teil: Der Pietismus in der Kirchengeschichte

3.1. Gliederung des Gedankengangs in Kapitel 3

3.2. Die Pietisten (Geschichtlicher Teil im engeren Sinne)

3.2.1. Francke als Ausgangspunkt

3.2.2. Christen, die sich selbst als Pietisten bezeichnen oder sich mit dem Pietismus identifizieren

3.2.3. Die enge Zusammenarbeit bzw. positive Bezugnahme zwischen Christen, die bisher als Pietisten erwiesen wurden (3.2;1, 3.2.2.), und außerdem zwischen diesen und weiteren Christen

3.2.4. Christen, die sonst noch häufig als Pietisten bezeichnet werden

3.3. Die Glaubensaussagen des Pietismus (Übergang vom geschichtlichen zum systematischen Teil)

3.3.1. Die persönliche Gotteserfahrung (-beziehung) des Menschen als Fundament des Glaubens (dogmatischer Aspekt)

3.3.1.1. Die persönliche Gotteserfahrung unter besonderer Berücksichtigung des Fundaments und Anfangs im Handeln Gottes außerhalb vom Menschen

3.3.1.1.1. allgemein

3.3.1.1.1.1. Spener

3.3.1.1.1.2. Francke

3.3.1.1.1.3. Zinzendorf

3.3.1.1.1.4. Tholuck

3.3.1.1.1.5. Heim

3.3.1.1.1.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.1.1.2. Die Spuren von Gottes Handeln in der Welt: Führungen (Gebetserhörungen, Wunder)

3.3.1.1.2.1. Spener

3.3.1.1.2.2. Francke

3.3.1.1.2.3. Zinzendorf

3.3.1.1.2.4. Tholuck

3.3.1.1.2.5. Heim

3.3.1.1.2.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.1.2. Die persönliche Gotteserfahrung unter besonderer Berücksichtigung der persönlichen Erfahrung des Menschen und ihr Verhältnis zum Verstandes-Denken

3.3.1.2.1. Spener

3.3.1.2.2. Francke

3.3.1.2.3. Zinzendorf

3.3.1.2.4. Tholuck

3.3.1.2.5. Heim

3.3.1.2.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.2. Die Tat der freiwilligen Hingabe des von Gott befreiten Menschen (ethischer Aspekt)

3.3.2.1. Der frei handelnde Mensch in der Hingabe

3.3.2.1.1. Spener

3.3.2.1.2. Francke

3.3.2.1.3. Zinzendorf

3.3.2.1.4. Tholuck

3.3.2.1.5. Heim

3.3.2.1.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.2.2. Der "Inhalt" der freien Tat: die Hingabe

3.3.2.2.1. Hingabe (im engeren Sinne) an Gott

3.3.2.2.1.1. Spener

3.3.2.2.1.2. Francke

3.3.2.2.1.3. Zinzendorf

3.3.2.2.1.4. Tholuck

3.3.2.2.1.5. Heim

3.3.2.2.1.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.2.2.2. Hingabe an den Nächsten (Menschen)

3.3.2.2.2.1. Spener

3.3.2.2.2.2. Francke

3.3.2.2.2.3. Zinzendorf

3.3.2.2.2.4. Tholuck

3.3.2.2.2.5. Heim

3.3.2.2.2.6. Marsch für Jesus 2000

3.3.2.2.3. Einschub eines praktischen Beispiels: Das Verstandes-Denken, die Wissenschaft, die Theologie als eine von vielen Lebensformen des frei handelnden Christen, die sich in freiwilliger Hingabe unter Gott, den Nutzen für sein kommendes Reich und den Nächsten stellt

3.3.2.2.3.1. Spener

3.3.2.2.3.2. Francke

3.3.2.2.3.3. Zinzendorf

3.3.2.2.3.4. Tholuck

3.3.2.2.3.5. Heim

3.4. Der Pietismus auf dem Hintergrund der verschiedenen geistesgeschichtlichen Epochen

4. Systematischer Teil im engeren Sinne       (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

5. Zusammenfassung       (wohin Sie durch diese

Schaltfläche geleitet werden)

6.Anmerkungen        (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

7. Literaturverzeichnis        (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

7.1. Quellen

7.1.1 Originalschriften

7.1.2. Sammel- und Auswahlbände

7.2. Sekundärliteratur


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1. Aktuelle einleitende Worte (Jesus Tag 2000)

Wie es die Veranstalter in einer ihrer ersten Informationszeitungen selbst sagen, wurde die christliche Großaktion "Gemeinsam bekennen - Marsch für Jesus 2000", die einen Höhepunkt im "Jesus-Tag" am 20.Mai 2000 in Berlin hat, unter anderem von "Verantwortlichen aus pietistischem ... Hintergrund"1 (Im Leitungsteam sind zum Beispiel Mitglieder des Hauptvorstandes der Evangelischen Allianz, des CVJM, des Bibellesebundes.. .2) veranstaltet.

Wenn Pietisten entscheidend an der Veranstaltung eines öffentlichen Großtreffens beteiligt sind, das vermutlich ähnlich viele Menschen auf die Berliner Straßen bringt wie der Christopher Street Day oder die Love Parade, dann ist es durchaus gewinnbringend, nach den verbindenden Glaubensgrundlagen des Pietismus in der Gegenwart und in der Vergangenheit durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch zu fragen und danach, wie Menschen damals das Wirken des lebendigen Gottes erfahren haben. Das will diese Abhandlung tun.

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2. Einleitende Grundsatzfragen

Diese sich den Kriterien wissenschaftlich-logischen Denkens stellende Arbeit beschäftigt sich deshalb mit dem Pietismus, weil (oder besser:obwohl?) zwischen der wissenschaftlichen Theologie und dem Pietismus häufig ein Verhältnis gegensätzlicher Positionalität besteht.

Diese Positionalität äußert sich auf pietistischer Seite in Aussagen wie: "Wissenschaft ist Sünde." oder "Alle Theologie ist Gift."4

Umgekehrt können Pietisten Beurteilungen folgender Art hören: "Der Pietismus ist unwissenschaftlich, vorkritisch, steht auf einer niedrigen Reflexionsstufe."5 Pietisten empfinden das dann so, als bliebe ihre Frömmigkeit "niedrig und primitiv den einfachen Gemütern überlassen, während die gebildeten, besseren Leute es eigentlich nicht nötig hätten, zu knien oder öffentlich zu beten und ihre Sünden zu bekennen."6, als werde der Ausgang von einem "praktisch-theologischen Denkansatz von Gott her ... sofort als unwissenschaftlich, als unmögliche Theologie abgetan."7

Dementsprechend fällt dann die pietistische Kritik am wissenschaftlich-logischen Denken teilweise sehr scharf aus: Durch das theoretische Denken würden "dann alle anderen abqualifiziert und 'fertiggemacht'. Ich bin völlig davon überzeugt, daß dieser Punkt einer der wesentlichen Gründe ist, aus denen uns Gott keine Erweckung schenkt. ... Wir sollen Brücken der Liebe bauen, und nicht Mauern der Feindschaft."8

Es müßte nun trotz dieser Ausgangslage gerade im Interesse des Pietismus, der davon ausgeht, allgemeingültige Wahrheiten in stürmischen Zeiten zu bewahren, sein, diese Allgemeingültigkeit dadurch zu zeigen, daß er auch wissenschaftlichen Anfragen genügt.

Auf der anderen Seite würde das Ergebnis, daß die hier aufgeführten pietistischen Glaubenspfeiler auch durch wissenschaftliches Denken9 nicht widerlegt werden können und daß wissenschaftliches Denken selbst zu diesen Pfeiler führt, 2 weitere wichtige praktische Folgen nach sich ziehen.

Daraus würde nämlich einerseits folgen, daß die pietistischen Glaubensformen auch unmittelbar zusammen mit wissenschaftliche Arbeit praktiziert werden können und sollen10. Durch eine so geänderte Praxis des Theologiestudiums würde es dann folgenden traurigen Vorgang kaum noch geben: "Viele Theologiestudenten wenden sich deshalb schon bevor sie ihr Studium beenden, andern Fächern zu, weil sie merken, daß sie mit einer solchen Ausrüstung keine Gemeinde führen, keinen Menschen am Krankenlager trösten und niemanden beerdigen können. Mit dem vollen Zweifel, mit der totalen Kritik im Herzen kann man nicht predigen."11 Die Berechtigung dieser Sorge läßt sich objektiv an der hohen Abbruchquote im Fach "Theologie" und auch daran zeigen, daß viele Theologiestudenten berichten, während ihres Theologiestudiums ihren Glauben verloren zu haben, entsprechend der Aussage: "das Glaubensverständnis wird intellektualisiert ..., die Gewißheit des Glaubens schwindet... dahin."12 Beides sollte keinem Christen einfach gleichgültig sein.

Wenn wissenschaftlich-logisches Denken die pietistischen Glaubensformen bestätigt, dann wäre die 2. praktische Folge, daß "die Lebensräume der Gemeinde ..., in die die theologischen Leitsätze und Formulierungen hinabzutropfen begannen, die sie weder verstehen noch verkraften konnte"13, noch besser gegen diese negativen Auswirkungen geschützt und verteidigt werden können, so daß dann nicht mehr durch theologischen "Einfluß ... auf Predigt und Gemeindearbeit .. viele Christen angefochten oder in ihrem Glauben wankend"14 werden müssen. Da sich sehr viele aktive Gemeindemitglieder mit den pietistischen Grundpfeilern identifizieren, bestehen die in den letzten beiden Zitaten aufgezeigten Probleme im Verhältnis der Wissenseaaft zum Pietismus gleichzeitig für einen großen Teil der Gemeinde. Darauf ist auch von katholischer Seite im Hinblick auf das Wunder hingewiesen worden: "In Wirklichkeit jedoch stehen die meisten gläubigen Protestanten dem Wunder nicht so ablehnend gegenüber, wie man aus der theologischen Fachliteratur schließen könnte."15

Am Anfang sei auch noch etwas zum Wort "Pietismus" gesagt. Es ist ursprünglich als Spottname16 gebildet worden und wird noch heute teilweise mit verächtlichem Unterton gebraucht17. Dagegen verstehen sich die Pietisten nur als einfache und normale Christen. Sie wollten und wollen mit ihrem Glauben an Fundamente erinnern, die doch für jede christliche Existenz grundlegend sein sollten. Sie wollen keine Sondergruppe des Christentums sein und halten das Frommsein für eine selbstverständliche Haltung des christlichen Glaubens. So sei darauf hingewiesen, daß in dieser Abhandlung der Name des Pietismus und anderer christlicher und theologischer Gruppen mit Unbehagen gebraucht wird; verstellen doch die "-ismen' den Blick auf den einen Herrn.

Für diese Arbeit18 wird die Methode des logischen Denkens (=Denken)19 gewählt und gesetzt. Diese axiomatische Setzung muß deshalb extra betont werden, weil im Gegensatz zum westlich-aufklärerischen Vorurteil das logische Denken keine in sich evidente Verhaltensweise des Menschen ist. Diese postmoderne Kritik an der Evidenz des logischen Denkens soll hier ausdrücklich festgehalten werden.

So muß sich die Methode des logischen Denkens über die Kritik an ihrer Selbstevidenz hinaus auch die Frage nach ihrer Berechtigung überhaupt gefallen lassen, die gegen Ende der Abhandlung beantwortet wird20, so daß das als absolut erkannte Resultat die Einleitung umfaßt und diese nur vom Resultat her ihre Berechtigung erhält.

Der Grund für die Verwendung des logischen Denkens in einem wissenschaftlichen Rahmen bei dieser Abhandlung ist, Menschen, deren Persönlichkeit von dieser Methode geprägt ist, von der Wahrheit der christlich-pietistischen Glaubenshaltung zu überzeugen.

Am Schluß der Einleitung soll - was auch für die wissenschaftliche Literatur des Mittelalters häufig selbstverständlich war21 - mit Speners Worten aus dem Ende der "Pia Desideria" ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß diese Abhandlung wie all unser Tun in Gottes Hand steht22: "Ich ruffe letzlichen den grundgütigen GOtt ... inbrünstig an/ gleichwie er viel guten saamen seines worts ... gesegnet hat ... also wolle er noch ferner segen geben/ zu seiner noch vor augen ligenden und auch in dieser Edition zu weiterm gebrauch eingerichteten arbeit"23.

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3.Geschichtlicher Teil: Der Pietismus in der Kirchengeschichte

3.1. Gliederung des Gedankengangs in Kapitel 3

Zunächst geht diese Abhandlung von den Christen aus, die sich durch ihre Aussagen selbst als Pietisten erweisen (Extension des Begriffs "Pietismus"). Dann wird nach den grundlegenden Glaubensaussagen dieser Christen gefragt (Intension des Begriffs"Pietismus").

So werden am Anfang des geschichtlichen Teils im engeren Sinne (3.2.; Extension des Begriffs "Pietismus") eine Reihe von Christen durch Selbstbezeichnung oder positive Bezugnahme auf den Pietismus als Pietisten erwiesen (3.2.1.; 3.2.2.). Nur aus den Glaubensüberzeugungen der Christen dieser Gruppe werden die grundlegenden Glaubensaussagen des Pietismus (3.3.) abgeleitet.

Dann soll die enge gegenseitige Zusammenarbeit bzw. positive Bezugnahme zum einen zwischen den bisher als Pietisten erwiesenen Christen festgestellt werden, um die bisherigen Ergebnisse zu bekräftigen, zum anderen zwischen den bisher erwiesenen Pietisten und weiteren Christen, um die Gruppe der Pietisten zu erweitern (3.2.3.).

Schließlich werden, nur um die Gruppe der Pietisten zu vervollständigen, Christen genannt, die sonst fast immer als Pietisten bezeichnet werden, ohne daß sie nach der hier festgelegten Methode als solche erwiesen wurden (3.2.4.).

Aus den Glaubensaussagen der bisher erwiesenen Pietisten (3.2.1. und 3.2.2. werden dann die grundlegenden Glaubensaussagen des Pietismus (3.3.)24 abgeleitet, womit wir uns beim Übergang vom geschichtlichen zum systematischen Teil befinden.

Um die bisherigen Ergebnisse zusammenzufassen, soll der Pietismus auf dem Hintergrund der verschiedenen geistesgeschichtlichen Epochen in einem sehr knappen Durchgang seiner eigenen Geschichte dargestellt werden (3.4.). Einmal soll dadurch der Anfangszeitpunkt der frömmigkeitsgeschichtlichen Bewegung des Pietismus noch besser begründet werden und damit auch der Zeitpunkt, ab dem wir bestimmte Christen als Pietisten (Extension des Begriffs "Pietismus") bezeichnen können. Außerdem werden dabei auch die festgestellten grundlegenden Glaubensaussagen (Intension des Begriffs "Pietismus") schärfer hervortreten.

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3.2. Die Pietisten (Geschichtlicher Teil im engeren Sinne)

3.2.1.Francke als Ausgangspunkt

Der Name "Pietist" wurde das erste Mal in der Umgebung von August Hermann Francke wirklich akzeptiert. Der Leipziger Professor der Poesie, Joachim Feller, dichtete 1689 für die Leichenrede eines Francke nahestehenden Studenten25:

"Was ist ein Pietist? der Gottes Wort studirt,
Und nach demselben auch ein heilig Leben führt.
Das ist ia wohl gethan! ia wohl von iedem Christen."26

Und in einem weiteren Gedicht sagt er:

"Ich selbsten wil hiemit gestehen ohne Scheu,
Daß ich ein Pietist ohn Schmeich- und heucheln sey."27

Es kommt nun hinzu, daß in der Forschung "von allen Seiten als 'echter Pietist' anerkannt .. fast nur A.H. Francke"28 ist.

3.2.2. Christen, die sich selbst als Pietisten bezeichnen oder sich mit dem Pietismus identifizieren

Im Unterschied zu Francke blieb der um eine Generation ältere Philipp Jakob Spener (1635-1705) noch 1702 skeptisch gegenüber dem Wort "Pietist": "Den namen pietist wünschte ich lieber gantz in vergeß zu kommen. Wo man ihn aber je braucht, so muß mit grossem bedacht und vorsichtigkeit geschrieben werden."29 Gleichwohl hat er sich mit den Glaubensaussagen des Pietismus identifiziert, indem er sagt: Die "so genannten Pietisten ... lehren und gläuben nicht in einem einigen Puncten anders/ als Gottes Wort mit sich bringet"30.

Ursprünglich hat sich Zinzendorf (1700-1760) auch ausdrücklich mit dem Begriff "Pietismus" identifiziert. So schreibt er 1728, daß sein Bruder ihn bei einem bestimmten, weiter zurückliegenden Anlaß ermahnt habe: "von meinem eigenen Bruder aber, daß ich ein Pietist sey, supplandiret worden"31. Seit 172732 wurde er dem Begriff gegenüber skeptischer. Er sagt, er sei "vordem ein eigentlicher Pietist gewesen ... habe aber nicht soviel von der Melancholie gehabt, daß.er sich nicht hätte in die Kreuzluftvögeleinsklasse hinüberschwingen können.33 Er unterschied drei Arten des Pietismus. Dabei trifft diese Kritik nur, durch Zinzendorfs Erfahrung bedingt, die beiden ersten radikalen Gruppen. Mit der dritten dagegen kann er sich noch 1739 identifizieren, was auch ihn als Pietisten erweist: Es ist gewiß, "daß der Teutel mit dem Pietisten=Wort sein Spiel hat, und nichts anderes darunter suchet, als daß die Lutheraner sich einen bloßen Wahn und Hirn=Glauben angewöhnen, das thätige Christentum aber und ein wahres Gefühl vom Heiland in den Seelen vor Fanatische und Pietistische Träume halten sollen"34,35.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) hat auch in späteren Jahren seine enge Beziehung zu der von Zinzendorf gegründeten Brüdergemeinde dargelegt: Ich "kann sagen, daß ich nach Allem wieder ein Herrnhuter geworden bin, nur einer von einer höhern Ordnung."36 Durch den Zusatz "von einer höhern Ordnung" wird allerdings auch die Differenz Schleiermachers zum Pietismus deutlich (S.u. Kapitel 4.1.5..), so daß er nicht eindeutig als Pietist erwiesen werden kann.

Auch Friedrich August Gottreu Tholuck (1799-1877) nimmt positiv auf den Pietismus Bezug und identifiziert sich mit dessen Glaubensaussagen. So führt er den Pietismus als Paradebeispiel wahrer Religion an: "Wie aller wahren Religion kommt es dem Pietismus auf ... an."37 Außerdem sagt er, es habe die Kirche seit "dem Reformationszeitalter ... nicht eine Belebung erfahren, wie in dieser Periode"38. Daneben identifiziert er sich ausdrücklich mit dem Pietismus: 'Der Pietismus wird sehr verrufen werden. ... 0 möchten Sie ... einfältig gestehen, daß, nach dem Sinne, den die Welt diesem Namen gibt, auch Sie ihn auf sich nehmen müssen."39,40

In einer Selbstdarstellung des Gnadauer Verbandes (1.Zusammenschluß 1888, offizielle Gründung 1897), der der Dachverband der gesamten Gemeinschaftsbewegung41 ist, heißt es, daß dieser von Christen "aus dem landeskirchlichen Pietismus"42 gegründet wurde. Gruppen, die Mitglieder des Gnadauer Verbandes sind, sind somit als Pietisten erwiesen.

Am Ende seines Lebens schreibt Karl Heim (1874-1958): "daß nämlich mein ganzes religiöses Fühlen und Denken ... eine ausgesprochen pietistische Grundrichtung hat."43

Nun sollen noch Christen der Gegenwart, die vor allem in der Einleitung und im Anhang zitiert werden, aufgrund ihrer Selbstbezeichnung als Pietisten erwiesen werden:

Riecker spricht von uns "Pietisten"44.

Auch Deitenbeck identifiziert sich mit dem Pietismus45.

Der alle zwei Jahre stattfindende "Gemeindetag unter dem Wort" ging 1975 aus der Ludwig-Hofacker-Konferenz hervor. Diese wurde nach dem Selbstverständnis der Organisatoren des Gemeindetages Anfang der 50er Jahre von "Männer<n> aus dem württembergischen Pietismus"46 gegründet. Gruppen, die am Gemeindetag teilnehmen, sind somit als Pietisten erwiesen.

3.2.3. Die enge Zusammenarbeit bzw. positive Bezugnahme zwischen Christen, die bisher als Pietisten erwiesen wurden (3.2.1., 3.2.2.), und außerdem zwischen diesen und weiteren Christen

Anhand vieler Quellen47 ist eine enge Zusammenarbeit und gegenseitige Hochschätzung zwischen Francke und dem alten Spener festzustellen. Als Beispiel sei nur ein Brief Franckes erwähnt, in dem er über Spener schreibt, es "sei eine besondere Gnade Gottes, von einem solchen bewährten Führer zu lernen, die Waffen des Heiligen Geistes zu führen."48 Daneben berichtet sein Sohn, der Vater babe gesagt, daß er in Spener "'sozusagen zum ersten mal einen rechten Theologen gesehen habe.'"49

Im Hinblick auf Zinzendorf kann gesagt werden, daß es an "einer äußerlich nahen Verbindung zum Pietismus ... dem Grafen keineswegs"50 fehlte. Zinzendorf besuchte Franckes Pädagogium in Halle, stand dort in engem Kontakt mit ihm und lernte Entscheidendes für sein Leben. Als aber 1727 nach Franckes Heimgang Pastor Mischke aus Sorau, ein Anhänger das Halleschen Pietismus, bezweifelte51, daß er wirklich bekehrt sei, verschlechterte sich sein Verhältnis zu Halle. Parallel dazu konnte er sich auch mit dem ("radikalen") Pietisten Dippel über bestimmte Glaubensfragen nicht einigen, so daß er seitdem eine Abneigung gegen bestimmte Formen des Pietismus empfand. Daß Zinzendorf sich trotzdem mit dem eigentlichem Inhalt des Pietismus verbunden fühlte52, kann auch in diesem Kapitel anhand eines 1743 an den Sohn Franckes geschriebenen Briefes aufgezeigt werden: "'Wir werden doch mit einem Munde und mit einem Herzen das Lamm predigen'"53.

Die engen Beziehungen zu Francke, der in besonderer Weise als Pietist gelten kann54, bekräftigen den Erweis von Spener und Zinzendorf als Pietisten.

Auch Spener und Zinzendorf standen für kurze Zeit trotz des großen Altersunterschiedes in engem Kontakt. Spener war Zinzendorfs Taufpate, und er segnete den Vierjährigen durch Handauflegung55.

Auch Schleiermacher stand von seiner Jugend an mit Zinzendorfs Herrnhuter Brüdergemeinde, deren Schulen in Niesky und Barby er besuchte,.in enger Beziehung.

Durch die Herrnhuter Brüdergemeinde kam auch der Baron Kottwitz zum lebendigen Glauben, der wiederum für den lebendigen Glauben und die Bekehrung Tholucks sehr wichtig wurde.

Die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung zählt auch Tholuck zu ihrem Stammbaum56, indem sie ihn in die Erweckungsbewegung einordnet, die sie ebenfalls zu ihren geistlichen Ahnen rechnet57. Tholuck selbst nahm an Zusammenkünften in Gnadau teil, die die Vorläufer des Gnadauer Verbandes waren. Tholuck nahm 1846 in London am Gründungskongreß der Evangelischen Allianz teil, eines internationalen Zusnmmenschlusses evangelischer Christen verschiedener Denominationen. Der Gnadauer Verband betont, daß viele Christen in beiden Gruppen Mitglieder sind und "sich immerfort Querverbindungen"58 ergeben. "Die Allianz-Evangelikalen kommen in erster Linie aus der VEF (Vereinigung Evangelischer Freikirchen (Anm. des Verfassers)) ... und dem Gnadauer Verband"59. Für den internationalen Pietismus hat sich der Name "evangelikal" eingebürgert: "Im deutschen Bereich sind die Evangelikalen theologisch und noch mehr in ihrer praktischen Frömmigkeit im Pietismus und in der Gemeinschaftsbewegung zu finden."60 Aus der Evangelischen Allianz gingen 1855 der CVJM und später der Jugendbund für Entschiedenes Christentum (EC; Amerika 1881, Europa 1894) hervor.

Elias Schrenk, einer der "Väter" Gnadaus, half 1893 durch eine Predigt dem Studenten Karl Heim zu einem lebendigen Glauben, "dem radikalen Neuanfang"61, der "der schöpferische Neubeginn"61 seines "inneren Lebens"61 war. Von 1899 bis 1905 war Heim Reisesekretär der DCSV (Deutsch-Christliche Studentenvereinigung). Zu ihr62 und auch zu Heim selbst63 betont der Gnadauer Verband seine engen Beziehungen.

Bei Treffen in Kassel und Großalmerode, die 1907 von der Gemeinschaftsbewegung organisiert worden waren, kam es zu ekstatischen Erlebnissen, deren Höhepunkt die Zungenrede war. Die Gemeinschaftsbewegung distanzierte sich davon 1909 mit der Berliner Erklärung. Der "radikale" Flügel dieser damals in Deutschland entstandenen Glaubenshaltung, der sich in den radikalen der Pfingstgemeinden findet, hält die Zungenrede für das notwendige Zeichen der Geisttaufe. Seit ungefähr 1960 entstand in den großen Kirchen die heutige Geistliche (Charismatische) Gemeindeerneuerung, die sich besonders auch für eine lebendige, persönliche Gottesbeziehung unter Einschluß der Geistesgaben (Charismen) einsetzt, wobei die Zungenrede nur ein mögliches (wie auch wissenschaftliches Denken nur eine mögliche Existenzform des Christen ist), aber nicht zu vergessendes und wichtiges Charisma ist. Pietistisch-evangelikale Gruppen blieben viele Jahre auf Distanz zur Geistlichen Gemeindeerneuerung, weil sie sie in der Tradition der durch die Berliner Erklärung verurteilten unbiblischen Auswüchse sahen64 .

Die kirchengeschichtlich bedeutende, erste Annäherung beider Gruppen leisteten Christen in der damaligen DDR. Seit 1976 trafen sich Christen aus dem pietistischen Gnadauer Gemeinschaftsverband der DDR und dem charismatischen "Arbeitskreis für geistliche Gemeindeerneuerung" der DDR zu Glaubensgesprächen. Sie "waren beunruhigt durch mancherlei Spannungen, Mißverständnisse, Verdächtigungen und gegenseitige Verurteilungen"65 zwischen Christen beider Gruppen und wollten diese Entwicklung umkehren, und es gelang ihnen, in den Gesprächen "Mißverständnisse zu beseitigen, Vertrauen aufzubauen"66. Im Januar 1981 konnte dann ein gemeinsam getragenes "'Kompromißpapier'"67 mit dem Titel "Heiliger Geist und Gaben. Ergebnisbericht theologischer Gespräche"68 vorgestellt werden, in dem "weithin .. eine auf der Grundlage der Bibel beruhende Einmütigkeit erzielt werden"69 konnte. Man kam zu der gemeinsamen "Erkenntnis .., daß solche Verdammungssätze wie 'Seit der Berliner Erklärung steht die Gemeinschaftsbewegung unter einem Bann' oder 'Die charismatische Bewegung ist von unten' ... unbedingt unterlassen werden sollten."70 In diesem Kompromißpapier wird die Auffassung abgelehnt, die "Gläubigen ... hätten mit ihrer Bekehrung und Wiedergeburt noch nicht den Heiligen Geist empfangen und damit fehle ihnen noch das Entscheidende"71; ebenso auch die "Lehre .., der Gläubige brauche nach seiner Wiedergeburt noch eine Geistestaufe, die sich in besonders auffälligen Gaben erweist."72 Ebenso wird im Blick auf die Zungenrede gesagt, daß "die Gabe des Sprachengebets in manchen Kreisen überbewertet, in anderen unterbewertet"73 wird und: "Es gibt auch keine Gnadengabe, die ein notwendiges Erkennungszeichen für das Leben im Heiligen Geist wäre."74 Es wird ferner gesagt, die Christen sollen "um den Heiligen Geist und seine Gaben bitten"75. Für die Zukunft von Charismatikern und Pietisten wird Mut gemacht, "vor allem an der Basis aufeinander zuzugehen und die Gemeinschaft des Glaubens und Dienstes immer neu zu suchen."76

Nach der Wiedervereinigung wurde diese Verständigung von den Gemeinschaften in ganz Deutschland zunächst so nicht übernommen. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung war die "Grundsatzerklärung des Kongresses für Erweckung und Gemeindeaufbau"77 in Nürnberg vom November 1991. Diese Grundsatzerklärung wurden von den Veranstaltern des Kongresses, der charismatischen Geistlichen Gemeindeerneuerung in der evangelischen Kirche (GGE) und der Arbeitsgemeinschaft für Gemeindeaufbau (AGGA), und den ca. 40 Referenten des Kongresses verfaßt. Zu den Referenten zählten Pietisten wie der Hermannsburger Pastor Klaus Vollmer und Pastor Hugo Danker vom Evangeliums-Rundfunk (ERF). Dessen Arbeit "steht auf der Basis der Evangelischen Allianz"78. Auf dem Kongreß baten auf einer kurzfristig angesetzten Bußstunde "Pfarrer Friedrich Aschoff ... und ... Pfarrer Klaus Eickhoff ... einander im Namen von Charismatikern und Evangelikalen um Vergebung für bisherige Abgrenzungen und Vorurteile"79. In der Grundsatzerklärung bekennen Pietisten (Evangelikale) und Charismatiker: "4. ... daß wir Erweckungen durch unsere Lieblosigkeit,... unsere Kritiksucht und ängstliche Abgrenzung zu anderen Gruppen verhindern. ... 5. ..., daß wir die innere geistliche Einheit durch schlechtes Denken, Reden, Schreiben und Handeln aufs Spiel gesetzt haben. ... Die Aufgabe, vor der wir Christen stehen, ist so großartig, daß wir sie nur im Schulterschluß der verschiedenen Gruppen angemessen erfüllen können. 6. ... Niemand ist berechtigt, Christen anderer Gruppierungen abzulehnen, zu diffamieren und zu verurteilen."80 Diese Grundsatzerklärung mit dem angestrebten Schulterschluß zwischen Pietisten und Charismatikern überzeugte zunächst eine Reihe von Pietisten nicht.81

Im Jahre 1996 war dann zwischen der Deutschen Evangelischen Allianz und dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden die Kasseler Vereinbarung abgeschlossen worden, in der der Wille zur Zusammenarbeit erklärt wird.

Zuvor waren aber die von der charismatischen Bewegung organisierten "Märsche für Jesus" in Berlin in den Jahren 1992 und 1994 von pietistischen Christen abgelehnt worden . Die Ablehnung wurde nicht in erster Linie theologisch begründet, sondern damit, daß man nicht in brüderlich-gleichberechtigter Weise von Anfang an die Planungen einbezogen wurde. Auch hier wurde aus Fehlern und Schuld gelernt:Nach 1994 setzten sich unter anderem Vertreter des Hauptvorstandes der pietistischen Evangelischen Allianz, des Christival-Vorstandes und des bislang stark charismatisch geprägten "Marsch für Jesus"-Vorstandes zusammen. Sie stellen sich selbst dar als "eine sehr erweiterte Trägerschaft ... mit Verantwortlichen aus pietistischem und charismatischem Hintergrund."82 Sie hatten nun ausreichend Zeit, in Ruhe und Gleichberechtigung für das Jahr 2000 eine gemeinsame christliche Veranstaltung, die den bisherigen "Märschen für Jesus" ähnelt, vorzubereiten. Das Vorbereitungsteam der Träger beschreibt den Verlauf der Gespräche so: "Unterschiedliche Verständnisse wurden in großener Klarheit dargelegt und Vorbehalte abgebaut."83 - "In einem segensreichen Vorbereitungsprozeß ist Vertrauen unter vielen geistlichen Verantwortungsträgern gewachsen, so daß sie jetzt das Projekt gemeinsam unterstützen."84 - "Als Ergebnis wurde dieses gemeinsame Grundsatzpapier, die 'Marsch für Jesus-Leitlinien', von den Gesprächsteilnehmern verabschiedet"85 Diese Leitlinien wurden im Mai 1996 verabschiedet. Im neugebildeten "Marsch für Jesus"-Vorstand ist 1.Vorsitzender Keith Warrington, der zur Leitung des charismatischen Missionswerkes "Jugend mit einer Mission" gehört. 2.Vorsitzender ist Pastor Rudolf Westerheide, der Referent der Deutschen Evangelischen Allianz ist. Mitglied des Vorstandes ist auch Axel Nehlsen, der zum Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz gehört. Weiterhin gehören zum Vorstand Astrid Eichler von der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche in Deutschland, Harald Peil vom Bund Freier evangelischer Gemeinden, Rudi Pinke vom charismatischen Christlichen Zentrum Frankfurt am Main und Ekkehart Vetter vom pfingstlichen Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden. Zum Beirat gehören unter anderem Brunhilde Blunck vom CVJM sowie Alexandra Depuhl und Karl Schäfer vom Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz. Praktisch nahm man sich nun gemeinsam für das Jahr 2000 die Großaktion "Gemeinsam bekennen - Marsch für Jesus 2000" vor, die einen Höhepunkt im "Jesus-Tag" am 20.Mai 2000 in Berlin hat und die Tradition der "Jesusmärsche" aufnimmt und erweitert.

Im April 2000 betont Peter Strauch, Präses des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, in einem Interview mit der Zeitung "Wort und Geist", die Wichtigkeit der "Unmittelbarkeit der Jesus-Beziehung"85A, und er sagt, dass Evangelikale von Pfingstlern und Charismatikern ein "konkretes Rechnen mit dem Wirken des Heiligen Geistes"85A lernen könnten. Umgekehrt könnten "Pfingstler lernen, daß zum christlichen Leben auch eine sorgfältige Auslegung der Bibel gehöre."85A Sie könnten außerdem von den Evangelikalen lernen, daß "geistliches Leben .. nicht an der Stärke oder Schwäche von Empfindungen zu messen"85A ist. Insgesamt glaubt Strauch, "daß sich die beiden Strömungen künftig stärker ergänzen werden."85A

Das Kompromißpapier aus der DDR von 1981, die Grundsatzerklärung von 1991, die Leitlinien von 1996 und die gemeinsame Großaktion des Jahres 2000 stellen wichtige Meilensteine auf dem Weg der Einheit dar und der Akzeptierung der charismatischen Bewegung als einer geistlichen Bewegung, die in den geistlichen Grundaussagen mit dem Pietismus übereinstimmt.

Aus den Glaubensäußerungen von fünf der in 3.2. als Pietisten erwiesenen Christen, nämlich Spener, Francke, Zinzendorf, Tholuck und Heim, sollen nun die grundlegenden Glaubensaussagen des Pietismus (Intension des Begriffe "Pietismus") abgeleitet werden. Als 6.Kapitel sind jeweils Verlautbarungen der Vorbereitungsschriften zum "Jesus-Tag 2000" beigefügt. Dadurch zeigt sich auch durch die inhaltlichen Aussagen, daß dieser Jesus-Tag in der pietistischen Tradition steht.

3.2.4. Christen, die sonst noch häufig als Pietisten bezeichnet werden

Vorher sollen aber noch Christen genannt werden, die - auch in der Forschung - sehr häufig zum Altpietistius bzw. seiner Fortsetzung in der Erweckungs-, Gemeinschafts- und evangelikaler Bewegung gezählt werden. Das geschieht nur der Vollständigkeit halber. Ihre eigene Einstellung zum Pietismus wurde hier nicht nachgeprüft.

Es ist zunächst der württembergische Pietismus mit seinen Hauptvertretern Bengel (1697-1752) und Oetinger (1702-1782) zu nennen.

Im Neupietismus des 19.Jahrhunderts sind die bekanntesten christlichen Diener der Inneren Mission zu erwähnen, nämlich Wichern in Hamburg, Bodelschwingh in Westfalen, Fliedner in Kaiserswerth bei Düsseldorf, Blumhardt der Ältere in Württemberg (vor allem Möttlingen) und Löhe in Bayern.86

Seit 1945 entstanden evangelische ordensähnliche Lebensgemeinschaften, darunter auch Selbitz in Oberfranken87 und Gnadenthal im Taunus88, für die "die Traditionen pietistischer Gemeinschaftsbildung Relevanz"89 haben.

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3.3. Die Glaubensaussagen des Pietismus (Übergang vom geschichtlichen zum systematischen Teil)

3.3.1. Die persönliche Gotteserfahrung (-beziehung) des Menschen als Fundament des Glaubens (dogmatischer Aspekt)

3.3.1.1. Die persönliche Gotteserfahrung unter besonderer Berücksichtigung des Fundaments und Anfangs im Handeln Gottes außerhalb vom Menschen

3.3.1.1.1. allgemein

3.3.1.1.1.1. Spener

Spener sagt ausdrücklich, daß die Menschen "nicht ... den glauben in sich wircketen/so nur Gottes werck ist/ oder aus eigener krafft etwas gutes thäten/ welches ihnen unmöglich bleibet"80. So lehnt Spener auch trotz der Möglichkeit, daß der Mensch aus der Taufgnade herausfallen kann81, die Wiederholung der Kindertaufe ab, da er in ihr "die von GOttes seiten stets währende krafft"82 unabhängig von der menschlichen Entscheidung repräsentiert sah.

3.3.1.1.1.2. Francke

Auch Francke, dem wohl am ehesten vorgeworfen wird, er betone die menschliche Aktivität beim Bußkampf93 in subjektivistischer Weise zu stark, sagt in seinem Lebenslauf ausdrücklich: "Gott ist mir allemahl gleichsam vorgegangen, ... damit ich überzeuget wurde, daß meine Bekehrung nicht mein, sondern sein werck wäre."94 Gottes vorausgehendes Handeln macht er an der geschichtlichen Tat Gottes im Herrn Jesus Christus fest: Gott habe "seinen Sohn zu einem allgemeinen Heyland gegeben, der alle Menschen, nicht einen einzigen ausgenommen, erlösete"95. Und auch im Hinblick auf Werke, die der Leistung Franckes zugeschrieben wurden, sagt er: "Warum will man dann nicht GOtt die Ehre geben/ und bekennen/ daß es Sein Werck sey/ davon weder mir elenden Wurm/ noch ... der Ruhm gebühret"96. Und wie Spener sagt er, daß unabhängig vom menschlichen Abfall von Gott, "ob ihr gleich an eurem Theil dem HErrn untreu worden,' ... so könnt ihr doch gewiß seyn, daß auf Seiten GOttes, ... auf dessen Namen ihr getaufet seyd, solcher Bund fest blieben sey und ferner fest bleibe"97.

3.3.1.1.1.3. Zinzendorf

Als dritter Pietist betont Zinzendorf das vorausgehende Handeln Gottes im Glauben: "Wir können nichts geben, wir müssen erst haben."98. Gottes "Erbarmen, sein uns alles schencken:sein Wort macht uns selig, aber nicht unser Glauben."99, das heißt, der Glaube kann uns nicht selig machen, der als menschliches Werk ohne Gottes Handeln etwas zu sein meint.

3.3.1.1.1.4. Tholuck

Tholuck beschreibt das Atmen der Liebe des Herrn Jesus als "Morgenluft einer jenseitigen Welt"100.

Auch Tholucks Aussage, daß ohne "die Höllenfahrt der Selbsterkenntniß .. die Himmelfahrt der Gotteserkenntniß nicht möglich"101 sei, an die oft der Verdacht geknüpft wird, Tholuck.mache "die Selbsterkenntnis des Sünders zur Grundlage der Gotteserkenntnis"102 oder letztere von ersterer sogar abhängig, muß zusammengesehen werden mit Aussagen Tholucks, aus denen die Sündenvergebung durch Gott vor aller subjektiven Sündenerkenntnis deutlich wird: "Und hier tritt nun die geschichtliche Offenbarung der Vergebung aller Sünden im Christentum ein. Diese gewährt dem Sünder, während er noch gottlos ist (Röm.4,5), den vollkommenen Gottesfrieden samt der Liebe zu Gott."103 Außerdem bedeutet die Höllenfahrt gerade die Negation der Subjektivität. Daneben sagt Tholuck selbst, daß unabhängig von unserem subjektiven Zustand der "Gottessohn .. die Idee, die jedes menschliche Wesen trägt ... und ... von Anfang an ... in uns angelegt"104 ist, sei.

Tholuck betont auch den objektiven Maßstab Gottes bei der Beurteilung des Glaubens, der Sündenerkenntnis und von Bekehrungen, die der Mensch mit seinem subjektiven Urteil nicht messen darf105: Es soll "der Mensch keine stehenden Formen erfinden, danach er Bekehrungen mißt, der Geist Gottes weht wo er will, danach er Bekehrungen mißt, der Geist Gottes weht wo er will, auch w i e er will."106 Vorausgegangen war die Unterscheidung, daß der eine als Christ schon bei seiner Bekehrung das ganze Ausmaß der Schuld ihrer einzelnen Inhalte und damit auch der Gnade erkennt, der andere erst, nachdem er schon Christ geworden ist.

3.3.1.1.1.5. Heim

Heim spricht davon, daß die Sendung des Herrn Jesus erst dort beginnt, "wo der tote Punkt ist, über den wir mit keiner menschlichen Anstrengung hinüberkommen."107

In diesem Sinne sagt er vom subjektiven Erlebnis der persönlichen Gottesbeziehung108 im gleichen Satz, daß es "mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auftritt"109.

3.3.1.1.1.6. Marsch für Jesus 2000

In dem vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Magazin "Jesus-Tag" heißt es: "Unser Land braucht ein offenes Bekenntnis zu Jesus Christus als dem König aller Könige und eine Proklamation seiner Herrschaft."110

3.3.1.1.2. Die Spuren von Gottes Handeln in der Welt: Führungen (Gebetserhörungen, Wunder)

3.3.1.1.2.1. Spener

Spener fordert, "auch diejenige Zufälle nicht zu verschmähen/ wodurch uns GOtt einige anzeige seines ... willens widerfahren lässet"111. Als Beispiel berichtet Spener, daß er, als er gerade Sorgen hatte, beim Betreten einer Kirche ein gesungenes Psalmwort als eine persönliche Führung Gottes,"eine Antwort auff meine innerliche klage mit grosser zufriedenheit angenommen"112 habe.

Dieses Handeln Gottes "ohne wort ... durch .. äusserliche veranlassung .."113 könne auch den Anfang der Bekehrung, des Gottesverhältnisses des Menschen, darstellen.

3.3.1.1.2.2. Francke

Das Waisenhaus kam einmal wieder in finanzielle Nöte: "Da auf eine andere Zeit fast gar nichts mehr übrig war ... "114. Die Reaktion Franckes und seiner Glaubensgeschwister : "Darauf gab GOtt aufs neue viel Freudigkeit zu beten"115. Als allgemein wahrnehmbare und objektiv überprüfbare Folge tritt ein: "Als das Gebet verrichtet war/ ... klopfet iemand an die Stuben-thür ... / welcher einen Brief und eine Rolle mit Geld in der Hand hatte/ und mir offerirte.

Es waren funffzig Thaler/ ... worauf noch andere zwanzig folgeten: daß ... man deutlich erkennete/ daß GOtt gehöret ... :welches desto mehr Lob und Preis seines heiligen Namens erweckte."116

Francke sagt deutlich, daß aufgrund einer solchen, von jedem wahrnehmbaren Erfahrung des in das Weltgeschehen eingreifenden Gottes eine Leugnung Gottesnicht mehr verständlich ist: "Wer dann nicht glauben will/ der thue es auf seine Verantwortung. Indessen wird GOTT ... viele tausend Menschen durch dieses offenbare Zeugniß/ daß Er noch lebet/ und alles thun kan/ was er will/ zum Glaubezi erwecken"117.

3.3.1.1.2.3. Zinzendorf

1728 blickt Zinzendorf auf sein bisheriges Leben zurück: "So viel Gebet, so viel Erhörung"118. Es wurde für Zinzendorfs Herrnhut entscheidend, daß "bei allen wichtigen Gemeindeangelegenheiten .. Jesus selbst durch ein L o s o r a k e 1 befragt"119 wurde.

3.3.1.1.2.4. Tholuck

Tholuck berichtet aus dem Jahre 1816 von "einem neuen einflußreichen Beweis der Fürsorge des Herrn"120: Kurz vor einem geplanten Selbstmord schickt er noch einen Brief an einen Freund. Dieser beachtet ihn zunächst nicht, liest ihn dann "zufällig" noch einmal, läuft dann sofort zu Tholuck und trifft "zufällig" genau in dem Augenblick ein, als Tholuck sich umbringen will. Tholuck sieht dies als Zeichen des Herrn, der ihn vor dem Tod bewahrt hat.

3.3.1.1.2.5. Heim

Heim, für den das Eingreifen Gottes als Antwort auf ein Gebet eine selbstverständliche Realität ist, erzählt eines von vielen Beispielen: Zwei Menschen werden in einem sächsischen Dorf beim Graben eines Brunnenschachtes verschüttet. Es wird für ihre Rettung gebetet. Ein - nach weltlichen Gesichtspunkten - Sachverständiger sieht keine Hoffnung mehr. Durch starke Schnee- und Regenfälle werden die Aussichten noch geringer. Der Pfarrer muß sich heftige Proteste anhören, da er immer noch auf das Gebet vertraut. Als die Verschütteten zur Bestattung geborgen werden sollen, stellt sich heraus, daß sie leben. Ein Balken hatte sich so quergelegt, daß die Verschütteten ein Hohlraum umgab. Die Verschütteten hatten auch um die starken Regenfälle, die nach Ansicht der Außenstehenden die Lage noch hoffnungsloser erscheinen ließ, gebetet, denn sie standen kurz vor dem Verdursten.121

Heim sagt nun, daß die objektiven Umstände dieses Wunders in Raum und Zeit jeden Beteiligten deutlich auf Gott hinweisen: "Und doch konnte niemand, der dieses Ereignis miterlebt hat, es einfach als ein glückliches Zusammentreffen zufälliger Umstände verstehen. Alle standen unter dem Eindruck, daß eine unsichtbare Hand diese physikalisch-chemischen Prozesse 'gesteuert' hatte und daß sie in innerem Zusammenhang standen mit dem Gebet der Beteiligten"122.

3.3.1.1.2.6. Marsch für Jesus 2000

In dem vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Magazin "Jesus-Tag" heißt es: "Das gemeinsame Gebet der Christen ... hat Wirkungen nach außen, weil Gott das Gebet seiner Gemeinde erhört."123 - "Gebet bewegt und verändert eine Situation."123A

3.3.1.2. Die persönliche Gotteserfahrung unter besonderer Berücksichtigung der persönlichen Erfahrung des Menschen und ihr Verhältnis zum Verstandes-Denken

3.3.1.2.1. Spener

Spener sagt, daß "GOtt auch nirgend anders als ... in unsern hertzen ... sich finden ... lassen ... will."124, und beschreibt das Eingehen Gottes auf den Menschen mit der Wendung "hertzens affect"125. Die älteren Pietisten beschreiben die persönliche Gottesbeziehung oft als Gegenwart Gottes im Herzen, denn der Begriff "Herz" .wird "vielfach als Sitz der Seele, ... als Zentralorgan der religiösen Erkenntnis und Entscheidung, als Personkern und Prinzip der Subjektivität angesehen"126,127. Im Herzen nimmt Gott also den Menschen als wahrhaft einzelnes Subjekt ernst. Spener verwendet auch den Personbegriff ausdrücklich: "Dieses ist also der seelige wechsel der personen/ ... daß vor Gott Christus an der sünder stelle trat"128.

Gleichzeitig ist dieses "zeugnüß GOttes in jeder seelen selbs das unmittelbare und nechste fundament des wahren glaubens"129.

Das bedeutet nun auch, daß prinzipiell die Zweifel der Vernunft nicht recht haben können, so daß wir "ihren einwuerffen nicht mehr platz geben dörffen/ da sie dem widersprechen willl was wir bereits göttlich befunden haben"130. Spener weist zunächst immer darauf hin, daß die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht in einem Fürwahrhalten erkannt wird131. Die logische Folge, daß nämlich dann das Denken nur einen Teilaspekt der Wahrheit darstellt, diese aber immer außerhalb von ihm ist, sieht Spener: Für die Erkenntnis Gottes ist "das blosse liecht der vernunft ... unzulänglich"132,133. Allerdings scheint Spener darüberhinaus die Vernunft selbst noch der Erkenntnis, daß die Wahrheit immer außerhalb von uns ist, für unfähtig zu halten.

3.3.1.2.2. Francke

Auch für Francke ist es wichtig, daß der Christ in einer persönlichen Beziehung zu Gottes Wahrheit steht: "Das sollen nicht blosse Worte seyn. ... so muß er die Apllication dieser Worte auf sich selbst machen"134, "für seine Person der Erlösung Christi theilhaftig "135 werden. Auch für Francke ist das Herz Ort der persönlichen Gottesbegegnung: "ich war versichert in meinem Hertzen der Gnade Gottes in Christo Jesu, ich kunte Gott nicht allein Gott sondern meinen Vater nennen"136 Daß die Wahrheit und Gewißheit des Glaubens in der persönlichen Gottesbeziehung gründet, haben wir auch schon anhand des konkreten Beispiels der Gebetserhörung gesehen"137.

Daß diese Wahrheit der persönlichen Gottesbeziehung nicht durch die Vernunft erreicht werden kann, verdeutlicht er am Zustand vor seiner Bekehrung: Je mehr ich versuchte, "meine vernunfft mit guten gründen zu überzeugen, ... je tieffer stürtzte ich mich in unruhe und zweiffel."138 Nach der Bekehrung galt ihm "Glaube wie ein Senffkorn mehr als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit"139. Allerdings scheint auch Francke die Wahrheit des Glaubens positionell gegen das Denken abzugrenzen140.

3.3.1.2.3. Zinzendorf

1753 sagt Zinzendorf: "Wir müssen mit dem Heiland in person bekant werden, sonst ist alle Theologie nichts. Darinn besteht die Brüder-religion"141 Er bestimmt Person als "etwas, das für sich selbst besteht."142

Diese persönlich erfahrene, empfundene Wahrheit kann von der Vernunft nicht hervorgebracht werden und umgekehrt kann die "Empfindung einer Sache .. von keinem Vernurfft-Schluß übern Hauffen geworffen werden."143, wie Zinzendorf 1732 sagt. Auch 15 Jahre später sagt er, der wirklich geniale Mensch habe die Fähigkeit, das Heilsgeschehen im Herrn Jesus Christus "vor Objecta anzusehen, die dem Herzen vielleicht geschenkt, der Speculation aber rund abgeschlagen sind"144 . Auch er scheint die Wahrheit, daß Gott nicht vernünftig erfaßt werden kann, positionell gegen die Vernunft.abzugrenzen.

3.3.1.2.4. Tholuck

Tholuck sagt, daß "der Mensch die Poesie des persönlichen Gottes durch Herzenslektionen kennen"145 kann. Und er sagt, daß die Liebe des Herrn Jesus, die von einer jenseitigen Welt kommt146, in alle Adern meines selbstsüchtigen Herzens"147 fließt. Die "Basis ... liegt ... in den dunklen Tiefen des menschlichen Herzens, ... wenn Christus und sein Wort mir die unmittelbare Gewißheit seiner Wahrheit gibt"148, also in der Tiefe des Herzens, in der sich der jenseitige Gott149 offenbart. So sagt er - wohl in Anlehnung an Schleiermacher-, daß "Religion ... nichts anderes, als der gefüh1te Lebenszusammenhang mit Gott , das Gefühl der Abhängigkeit des endlichen Geistes vom unendlichen"150 ist. Und er bezeichnet "Heilsgewißheit, .. Gemeinschaft mit Gott"151 als typisch pietistisch.

Tholuck sagt, daß das Denken "kein Du"152 hervorbringen kann, weshalb Religion auch nur "abgeleiteter Weise ... Sache des denkenden ... Geistes"153 ist. Der Gläubige bedarf der Wissenschaft nicht, um den Glauben gewisser zu machen"154.

Einige Aussagen Tholucks scheinen es nahezulegen, daß er wirklich die Wahrheit Gottes, die immer außerhalb von der Vernunft ist, an der Vernunft selbst aufzeigen will. So sagt er, daß "das Fremde, das von Christus stammt, in gewissem Sinne .. unser Eigenes ist"155. In diesem Sinn sagt er, daß "kein höheres ... System ... als das christliche"156 erschaffen werden kann und daß "die vollkommene Religion den denkenden Geist, also die Vernunft, befriedigen muß"157, sich
"a1s Vernunft rechtfertigen werde."158 Dann akzeptiert er aber den Vorwurf, beim Glauben handele es sich um einen "Cirkel"159. Aus dem Zusammenhang ist ersichtlich, daß es sich hier offensichtlich nicht um einen absoluten Zirkel handelt, der sein Gegenteil in sich umfaßt, und damit, obwohl er Zirkel ist, absolut ist.

3.3.1.2.5. Heim

Als Grundaussage stellt Heim fest, es gebe "zuletzt nur eine Frage, an deren Entscheidung alles hängt, auf die wir alle Grundprobleme unseres Denkens und unseres Lebens zurückführen können."160 Die erste Antwort, die Heim selbst befürwortet, lautet: "Es gibt einen persönlichen Gott"161. Die schon angesprochene Allgemeingültigkeit des christlichen Glaubens162 gilt nun genau für dieses "subjektive Erlebnis"163.

Diese Wahrheit steht über dem Denken, so daß "Vernunftgründe ... diese Gewißheit beigleiten"164 können. "Aber sie sind nie ihr tragender Grund."165 Haben wir aber diesen tragenden Grund im lebendigen Gott erfahren, so gilt: "Lebt er aber, was vermögen dann Gedanken gegen ihn! Alle Verstandesargumente müssen an seiner überströmenden Lebendigkeit zerschellen. ... dann können wir uns jubelnd und sorglos in die Wogen des Denkens und Forschens stürzen."166

Aber diesen Grund des Glaubens, der sich außerhalb der Vernunft befindet, scheint auch Heim positionell gegen die Vernunft abzugrenzen, sie kann seiner Meinung nach nicht auf ihn hinweisen, denn wir haben es bei diesem Grund mit dem "auf rationalem Wege Unentscheidbaren"167 zu tun.

3.3.1.2.6. Marsch für Jesus 2000

In dem vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Magazin "Jesus-Tag" stehen folgende Sätze: "So ist das persönliche Gebet durch nichts zu ersetzen. Es ist der Ausdruck einer tiefen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Gott und einem Menschen. ... Es gibt betende Christen, die das ganze Jahr über Tag für Tag mit Gott reden, auf ihn hören ... ."168

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3.3.2. Die Tat der freiwilligen Hingabe des von Gott befreiten Menschen (ethischer Aspekt)

3.3.2.1. Der frei handelnde Mensch in der Hingabe

3.3.2.1.1. Spener

Die allein von Gott bewirkte Tätigkeit beim Glauben und bei den guten Werken169 umschließt in sich die Möglichkeit des Menschen zum "Nein", worin dessen Autonomie deutlich wird: Es kann "der mensch ... aus eigenen kräfften widerstreben"170, so daß "seine bekehrung von ihm selbst gehindert wird."171 Das wird auch daran deutlich, daß Spener sagt, daß die Kraft der Taufe den Täuflingen "anerbotten"172 wird. Das gilt auch für das auf die Taufe und Bekehrung folgende Leben des Christen: Spener sagt, es sei "der göttliche glaube nicht ohne den Heiligen Geist/ dieser aber bey vorsetzlichen und herrschenden sünden nicht seyn kan"173. Gott wolle den Menschen nicht retten, ohne daß der Mensch eine grundlegende Entscheidung für Gott und den Glauben getroffen hat. Auf der Basis dieser Grundentscheidung ist natürlich die Sündenvergebung möglich, aber vorsätzliche Sünden sind ein Zeichen dafür, daß selbst die Grundentscheidung für Gott fehlt.

3.3.2.1.2. Francke

Francke sagt, daß Gott "den Menschen in einem freyen Willen geschaffen"174 hat. Wie Spener spricht Francke vom Angebot des Heils: Gott "kommt uns mit seiner Gnade zuvor/ und beut uns seinen gnädigen Willen an/ er macht den Anfang zur Seligkeit zu gelangen"175. Es kommt nun darauf an, daß der Mensch "der Wirckung seines Heil. Geistes nicht widerstrebet/ sondern Raum giebet"176, denn es "wil GOTT der HErr die Menschen nicht mit Gewalt zu ihrer Seligkeit bringen"177.

Der gegen Francke häufig erhobene Vorwurf, er vertrete einen subjektivistischen Bußkampf, kann sich auf Stellen folgender Art stützen: "Erst solt du Busse thun von den todten Wercken/ und da muß sich ... dein Sinn verändern in dir."178 Erst dann gibt es einen "Anfang im Christenthum"179, "in welchem nun erst der Heilige Geist den wahren Glauben ... wircken kann."180 Bei der Forderung einer Buße vor der Bekehrung ist es nun wichtig, nicht gleich für den Anfang des Christseins die bestimmten Inhalte dieser Buße festzulegen oder gar bei anderen zu beurteilen181. Ansonsten besagt der Bußkampf nichts anderes als die für das Heil notwendige Grundentscheidung der Hingabe an Gott und der Abkehr vom bisherigen Leben (=Buße), alos der grundlegenden Änderung der Lebenseinstellung. Die rechte Buße definiert Francke wie Spener als "eine Ausbannung alles bösen Vorsatzes"182. Er sagt auch ausdrücklich: "Das ist meine Meinung nicht, daß man sich in ein gesetzliches Streben hineinbegeben sollte, das einen Angstzwang in sich hätte ... Was in der Erneuerung geschehen soll, ... ist kein Nothzwang, da fließet es, gleichsam wie ein Fluß von sich selbst."183

Es hat sich auch hier184 gezeigt, daß auch bei Francke nicht die Tat des Menschen, sein Bußkampf, sein Glaube der Zusage Gottes, seinem Gnadenangebot vorangeht.

3.3.2.1.3. Zinzendorf

Zinzendorf sagt 1738: "Sobald ... der accent auf unser eigenes gläuben recht gelegt wird, so ist ... klar: Wer nicht gläubet, der ist schon gerichtet"185. Und wie Francke sagt er, daß Gott uns nicht zur Seligkeit zwingt: "Warum ist uns die freyheit gelassen? ... Weil die ewige Liebe ihren himmel zu keinem seelen-zwinger ... gebauet hat"186

Außerdem ist "das thätige Christentum"187 von Zinzendorf als Charakteristikum des Pietismus genannt worden.

3.3.2.1.4. Tholuck

Auch wenn Tholuck vom geschichtlichen Heilshandeln Gottes im Herrn Jesus Christus spricht, das allem menschlichen Tun vorangeht188, lehnt er damit nicht die freie menschliche Entscheidung im Glauben ab: "Christus erweckt und erleuchtet dich nicht ohne ... deinen Willen."189 Die Möglichkeit des Menschen, sich für das Böse zu entscheiden, ist nach Tholuck die Voraussetzung dafür, daß "freie redliche Geister geschaffen werden konnten."190

3.3.2.1.5. Heim

Im Hinblick auf die Offenbarung und ihren Anspruch ist "Befolgung oder Nichtbefolgung ... meine eigene Entscheidung"191. "Jesus läßt jedem volle Freiheit. Er drängt seine Botschaft niemand auf. Er übt nicht den leisesten Druck aus."192

3.3.2.1.6. Marsch für Jesus

In dem vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Faltblatt "Jesus Tag" heißt es: "Christen erkennen ihre Verantwortung ... . Sie finden sich nicht mit den Mißständen ab."193 - "Im Gebet fragen wir ... nach konkreten Veränderungsmöglichkeiten"

3.3.2.2. Der "Inhalt" der freien Tat: die Hingabe

3.3.2.2.1. Hingabe (im engeren Sinne) an Gott

3.3.2.2.1.1. Spener

Als wiedergeborene Christen sollen "wir uns selbst verläugnen/ und ... suchen ... allein die ehre Gottes"194. Nach Spener ist "das erste praktische principium deß Christenthums/ die verläugnung sein selbs"195.

3.3.2.2.1.2. Francke

Gott will, daß wir "ihm gleichsam beyde Hände darbieten/ daß er mit uns machen wolle/ was sein heilger Wille sey"196. Je höher im Glauben "der Mensch steiget/ jemehr er sich demüthiget und erniedriget"197.

3.3.2.2.1.3. Zinzendorf

Zinzendorf macht deutlich, daß wir von der Bekehrung an, unser ganzes Leben Gott hingeben müssen: "Das hingeben zu ... dem augenblik, da der Heiland ruffet, hat einen einfluß ins ganze Leben."198

Die Vermutung, Zinzendorf habe gegenüber Francke die Sündenerkenntnis und Buße verkürzt, trifft nicht zu, denn noch 1751 sagt er: Es begehrt des Heilands "Verdienst .. keine Seele, die nicht in Verlegenheit über ihr Elend kommt. Daher müssen selbst unsre Kinder, die wie die Engelchen aufwachsen, notwendig einmal Sünder werden und ihr Elend fühlen."199

3.3.2.2.1.4. Tholuck

Der Mensch soll von Gott die Vergebung "in jeder Stunde, nach jedem Versehen, auf's Neue mit Kniebeugen annehmen"200. Es ist wichtig, daß der Christ sich dem Herrn Jesus Christus immer "mehr .. im Glauben ... hingiebt"201. Auch die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis202 bedeutet Hingabe an Gott.

3.3.2.2.1.5. Heim

Heim, der sich selbst als Pietist bezeichnet hat203, nennt die Selbsthingabe an Gott in demselben Zitat ausdrücklich ein Charakteristikum des Pietismus: "Unter Pietismus verstehe ich ..., daß ... ich ... mich durch eine totale Übergabe meiner ganzen Existenz unter die Führung Jesu Christi stelle.204. Vor Gott "Gilt nur: 'Alles oder nichts.'"205

3.3.2.2.1.6. Marsch für Jesus

In dem vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Jesus-Tag-Magazin heißt es: "sprechen wir ... erneut aus, wer unser Herr ist und wem wir gehören." - "Darum wollen wir uns gemeinsam in einem Moment der Hingabe erneut dem Herrn verpflichten."206

3.3.2.2.2. gegenüber dem Nächsten

3.3.2.2.2.1. Spener

Die Selbsthingabe gegenüber dem Nächsten betont Spener insofern, als er sagt, daß Christen auf die Einforderung des eigenen Rechts verzichten und die Feindesliebe üben sollen, d.h. "sich ... enthalten ... ihres sonst noch habenden rechtens/ und der Verfolgung desselben"207 und "mit fleiß gelegenheit suchen/ dem feinde guts zu thun"208.

Spener lobt die Tatsache, daß die ersten Christen bereit waren, "einer vor den andern zu sterben"209 und daß sie in Gütergemeinschaft lebten. Dabei stimmt er der Anfangsüberlegung zu, daß "ich habe nichts eigens/ sondern es seye alles meines GOttes eigen"210. Damit kommt mein eigener Besitz dann zu seiner Bestimmung, wenn ich bereit bin, "zu ehren des haußvatters (d.h.Gottes) und meiner mitknechte nothdurfft/ das meinige ... darzugeben"211. Diese Hingabe soll zunächst gegenüber der Gemeinde, damit aber auch "gegen alle menschen"212 geübt werden.

3.3.2.2.2.2. Francke

Francke sagt: "Die Liebe ist demüthig"213 und fordert die Feindesliebe: "Rede nicht von deinen Feinden als aus Liebe/ zu GOTTES Ehren/ und zu ihrem Besten."214. In diesem Sinne wählt der Christ "viel lieber die Verachtung der Welt/ als die zeitliche Ergetzung der Sünden."215

Francke sagt auch in dieser Haltung der Demut, daß zum Christsein "am allerwenigsten ... Beurtheilung anderer Menschen/ und Splitter-Richten"216.

3.3.2.2.2.3. Zinzendorf

Zinzendorf sagt,.daß sich innerhalb der Brüdergemeinde "gewisse Brüder in Verleugnung aus Liebe dargeben, die mit Krank- oder Schwachheit befallenen Mitglieder zu besuchen"217.

Zinzendorf sieht den Gipfel der Liebe zu den Feinden darin, "daß wir ihnen Gutes erzeigen können"218, unter der Einschränkung, daß Christen die Feindesliebe z.B. bei der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben nicht üben können, wenn dadurch Dritte geschädigt würden (z.B. durch falsche Feindesliebe gegenüber Verbrechern)219.

3.3.2.2.2.4. Tholuck

Einen Christen zeichnet nach Tholuck ein "Daseyn, das .. nur für den Andern lebt"220, die "hingebende Liebe"221 aus. Er verteidigt 1835 die protestantische Union gegenüber lutherischen Seperatisten: "wollt ihr die Bruderhand zurückziehn?"222

3.3.2.2.2.5. Heim

Heim sagt: Die Bergpredigt "geht .. uns alle ... ganz unmittelbar an."223 Allerdings dürfen ihre Gebote nicht zu den allgemeinverbindlichen Regeln einer Gemeinschaft von Christen und Nichtchristen werden, da sonst entgegen der Absicht die Gewalt zu- und die Liebe abnehmen würde224. Als Einzelgebote der Hingabe betont Heim (auch in Anlehnung an 1.Kor 6,1ff), daß Christus der "Gemeinde ... die Weisung gegeben hat, .. sich lieber übervorteilen und ausrauben zu lassen als den Rechtsweg zu beschreiten"225, die linke Wange hinzuhalten, wenn man auf die rechte geschlagen wurde226, sich "in grenzenloser Geduld vom andern ausnutzen zu lassen"227 und darüberhinaus die Feinde zu lieben228.

3.3.2.2.2.6. Marsch für Jesus

In folgenden, vom Vorbereitungsteam herausgegebenen Publikationen liest man: " Wir beten deshalb darum, daß durch das Wirken des Heiligen Geistes ... eine von Herzen kommende Diakonie notleidenden Menschen dient."229 Über die erhofften Auswirkungen des Jesus-Tages liest man: "Es ist auch das Signal, dass Christen für die eigene Stadt oder ihr Land Verantwortung übernehmen."230

3.3.2.2.3. Einschub eines praktischen Beispiels: Das Verstandes-Denken, die Wissenschaft, die Theologie als eine von vielen Lebensformen des frei handelnden Christen, die sich in freiwilliger Hingabe unter Gott, den Nutzen für sein kommendes Reich und den Nächsten stellt

3.3.2.2.3.l. Spener

Spener sagt, daß es darum geht, "den verstand odler die vernunft unter den gehorsam des Glaubens gefangen zu nehmen"231 Er lehnt deshalb für die meisten Theologiestudenten das Philosophiestudium mit der Begründung ab, daß es ihnen "schwerlich etwas dienlich seye"232 und ordnet es dem philologischen Sprachstudium als Hilfsmittel der Theologie gleich; für eine kleine Zahl der Theologiestudenten akzeptiert er es als eine Möglichkeit233.

3.3.2.2.3.2. Francke

Auch Francke sagt, daß sich die philosophischen Studien in der theologischen Wissenschaft ausrichten sollen an der übergeordneten Wahrheit Gottes und dem Nutzen für sein kommendes Reich, am christlichen Glauben und der Theologie, nämlich daran, "quod ... Theologo ... fructuosum sit"234

3.3.2.2.3.3. Zinzendorf

Zinzendorf sagt, daß die der Vernunft zufallende Aufgabe, daß nämlich die christliche Offenbarung "in faßliche Begriffe gebracht werde, .. nicht so sehr nöthig, als nützlich"235 sei. Auch Zinzendorf nutzt das Denken: "ich gehöre unter die denkende(n) Leute"236. Und zwar ist der Gebrauch des Denkens auch für Zinzendorf durch die übergeordnete Perspektive der Weitergabe des Evangeliums begründet, da er sich so mit den Philosophen besser über den Glauben unterhalten könne: So "bin ich meinem Nächsten von der zweiten Gatttung (er meint den Philosophen) mehr Condescendenz (er meint "auf den anderen eingehendes Verständnis") schuldig.."237, und er sagt, daß ihm daran gelegen ist, daß der Philosoph ihn im. "Credit behalte"238.

3.3.2.2.3.4. Tholuck

Das Denken, das ja unter der Wahrheit des religiösen Gefühls steht239, kann nach Tholuck dazu dienen, den Atheisten "irre zu machen in seinem Unglauben."240

3.3.2.2.3.5. Heim

Auch Heim stellt die seiner Meinung nach notwendige wissenschaftliche Arbeit einiger Christen unter die absolute Wahrheit des Glaubens und begründet diese wissenschaftliche Arbeit damit: Das bedeutet dann "wie Paulus 'ein Schuldner zu sein ... der Weisen und der Unweisen' (also nicht bloß der Ungebildeten, sondern auch der Gebildeten, von denen heute der größere Teil zu den naturwissenschaftlich und technisch Gebildeten gehört)"241.

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3.4. Der Pietismus auf dem Hintergrund der verschiedenen geistesgeschichtlichen Epochen

Wie kommt es, daß Glaubensformen nun plötzlich als "Pietismus" bezeichnet werden, die es vorher auch schon gab?

So betont z.B. die christliche Mystik vor der Zeit des Pietismus die persönliche Gotteserfahrung wie der Pietismus242. Spener sagt, daß sich die "wahre hertzens-theologie der Schrifft" während des Papsttums "in den mystischen Scribenten"243 erhalten habe. Auch Johann Tauler und Thomas von Kempen, die beide in der Tradition der Mystik stehen und zur Devotio moderna gezählt werden, schätzt Spener sehr244,245 Auch die Gemeinschaftsbewegung zählt in der von Sauberzweig herausgegebenen Selbstdarstellung der eigenen Geschichte Franz von Assisi246, Bernhard von Clairvaux247 und die Devotio moderna mit Thomas von Kempen und Tauler248 zu ihrem Stammbaum. So spricht Schmidt von einer bewußten "Aufnahme von Zeugnissen römisch-katholischer Frömmigkeit mit einer bis dahin unbekannten Großzügigkeit"249 im Pietismus und von einer "Verwischung und Niederlegung der herkömmlichen konfessionellen Schranken"250. Dieser ökumenische Ansatz wird auch in unseren Tagen von katholischer Seite bestätigt: "Eine Beurteilung, von katholischer Schau aus vollzogen, wird manche von seiten der lutherischen Dogmatik erhobenen Vorwürfe gegen die Frömmigkeitshaltung des Pietismus nicht anerkennen können"251

Das geistesgeschichtliche Umfeld und seine Veränderungen geben Antwort darauf, warum diese schon vorher praktizierten Glaubensformen nun mit dem neuen Begriff "Pietismus" bezeichnet werden. Schmithals bezeichnet die neue geistesgeschichtliche Situation als "Subjekt-Objekt-Spaltung"252. Er sieht ihren Anfang in der ungefähr mit der Reformation eintretenden kopernikanischen Wende. Kopernikus (1473-1543) hatte mit seiner Widerlegung der bisher gültigen Auffassung, daß die Sonne sich u m die Erde dreht, "die Zerstörung eines bis ins Detail durchkonstruierten anthropo-kosmologischen Gehäuses in ein durchaus mittelpunktloses infinites Welten- und Menschenbild"253 bewirkt, die bisher bestehende unmittelbare Harmonie und Identität von Mensch und All beseitigt, eben Subjekt und Objekt gespalten. Diese Erfahrung der Spaltung, der Differenz führte dazu, daß das Subjekt, wollte es mit der Wahrheit der Wirklichkeit übereinstimmen, erkennen mußte, daß diese Differenz sein Leben bestimmt. Keine Wahrheit war also in unmittelbarer Unmittelbarkeit mit dem dem einzelnen Menschen gegeben, sondern mußte von ihm als individuellem Subjekt nachvollzogen, von seiner Existenz bejaht werden. So bekam das Subjekt ein eigenständiges Gewicht.

Der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges ist die Folge des Versuchs von Staaten, die religiöse Einheit trotzdem in unmittelbarer Unmittelbarkeit, d.h. mit Gewalt und Zwang (in Donauwörth und im böhmischen Raum als Auslöser des Krieges), durchzusetzen.

Auch im Zeitalter des Absolutismus wird von fürstlicher Seite noch einmal versucht, die implizit - auch durch die reformatorische Glaubenserkenntnis - schon verlorene unmittelbare Einheit aufrechtzuerhalten, "die Kirche in den absolutistischen Herrschaftsapparat einzubauen"254.

In der lutherischen Theologie ist zu dieser Zeit die Orthodoxie führend, bei der die Gefahr besteht, wie Wenz im Hinblick auf die Versöhnungslehre zeigt, diese "in abstrakter Weise zu verobjektivieren."255 Diese Form der Frömmigkeit scheint immer weniger die Beziehung zwischen dem christlichen Glauben und dem sich in seiner Selbstständigkeit erkennenden Subjekt aufzeigen zu können, das deshalb auch immer seltener an Gott als das Ziel seiner Selbständigkeit glauben kann. So breitet sich im 17.Jahrhundert der Atheismus ausgehend von den intellektuellen Schichten Englands und Frankreichs256 aus.und wird allmählich zu einer anerkannten Wahlmöglichkeit.

Das "Frommsein", der Pietismus konnte als Schimpfwort also erst sinnvoll und verständlich sein und erst aufkommen257, als das Unfrommsein, der Atheismus eine allgemein anerkannte Möglichkeit wurde. Auch die entsprechenden deutschen Begriffe "Frömmelei" und "frömmeln" treten erst.seit der 2.Hälfte des 18.Jahrhunderts auf258. "Pietismus" bezeichnet dann also die bewußt vom Subjekt erlebte Gotteserfahrung und die bewußt-freiwillig vom Subjekt vollzogene Hingabe auf dem Hintergrund eines als allgemeiner Möglichkeit anerkannten "Neins" zu Gott, - wie Schmithals sagt - "die in die Erfahrung der Subjekt-Objekt-Spaltung eingebettete ... Wiedergeburt"259. Das unterscheidet den Pietismus nach 1670 von einem durch Gotteserfahrung und Hingabe erfüllten Glauben vor 1670. Und so ist mit dem Aufkommen des Schimpfwortes "Pietismus" um 1670 durch die geänderten geistesgeschichtlichen Bedingungen auch ein wichtiger frömmigkeitsgeschichtlicher Einschnitt gegeben, der es rechtfertigt, hier den Anfang des Pietismus anzusetzen und alle, die sich als "Pietisten" bezeichnen, als eine bestimmte geistliche Bewegung zu betrachten. Die Wahrheit des Pietismus wird auch in der Zukunft aktuell bleiben, weil man nach der Entdeckung der eigenständigen Bedeutung des Subjektes (mit der Möglichkeit des "Neins") hinter diese nicht mehr zurückgegen kann. Im kirchlichen Bereich, der noch stark von der Orthodoxie geprägt war, erschien der Pietismus um 1700 oft als subjektivistisch. Dabei tretem nun lediglich zwei Grundpfeiler (3.3.1.2. und 3.3.2.1.) des christlich-frommen Glaubens, die die Aktivität des menschlichen Subjektes beinhalten, durch den geänderten geistesgeschichtlichen Hintergrund . besonders hervor.

Franckes Tod (Heimgang zu Gott) im Jahre 1727 wird oft als wichtiger Einschnitt für den Pietismus angesehen, als Übergang vom Alt- zum Neupietismus, da nun auch in Franckes Wirkungsstätte Halle die Aufklärung langsam vordringt. Auf dem Hintergrund weiterer geistesgeschichtlicher Entwicklungen wird der Übergang von Alt- und Neupietismus deutlich werden.

Auch im kirchlich-theologischen Bereich herrscht um 1800 zunehmend der Geist der Aufklärung vor und setzt sich auch sonst im Gefolge der Französischen Revolution immer mehr durch. Gemäß dem "Prinzip der Selbstbegründung"260 als einem "unmittelbar selbstbestimmten ... Beginnen"261 werden nun die Selbständigkeit des selbstbewußten Subjektes, das "sich als Bezugspunkt und Voraussetzung aller Gehalte"262 erkennt, und sein Vermögen, das Verstandes-Denken, betont. Auf diesem Hintergrund, der in das positionelle Gegenteil des orthodoxen umgeschlagen ist, erscheint der Pietismus völlig anders. Nun wird von seiten des Pietismus vor allem auf die Schranken des selbständigen Subjektes hingewiesen, auf seinen Grund im schlechthin anderen "extra nos" Gottes und darauf, daß das Subjekt erst in der auf diesen seinen Grund ausgerichteten Hingabe zu seiner Bestimmung gelangt.

Während "der Pietismus ... im 17. und 18.Jahrhundert schöpferische Unruhe war und weithin revolutionär auftrat, vermitteln seine Erscheinungsformen im 19. und 20.Jahrhundert weithin einen konservativen Eindruck."265 Das zeigt sich auch in der oft beobachteten Wiederannäherung von Neupietismus und Orthodoxie. Auch diese Beurteilung des Pietismus in der Forschung, die in ihm auf entgegengesetztem geistesgeschichtlichen Hintergrund eine Betonung bzw. Kritik des Subjektes und seiner Aktivitäten erkannte, weist - wie im systematischen Teil266 noch genauer entfaltet wird - auf eine Vermittlung der Extrempositionen hin.

Durch die Relativitätstheorie, die Heisenbergsche Unschärfebeziehung (das Messen selbst beeinflußt das Meßergebnis), kybernetische Forschungen und ähnliche Entdeckungen zu Anfang des 20.Jahrhunderts, also der Zeit der neupietistischen Gemeinschaftsbewegung, wurde an den Inhalten der Naturwissenschaft anschaulich, daß das Subjekt durch Selbstbegründung und durch sein eigenes Vermögen, nämlich das Verstandes-Denken, die Wirklichkeit nicht umfassen kann, etwa im Sinne der Erkenntnis eines alles determinierenden, gesetzlichen Zusammenhangs der Welt (oder auch im Sinne eines Gesetzes der gesellschaftlichen Entwicklung wie im Marxismus), sondern daß die Größen der Welt und der Physik in je anderen Relationen je andere bestimmte Maßergebnisse und (Zahlen-)Werte haben267. Ein begründeter Atheismus oder auch eine Kritik daran, daß Pietisten an das freie Eingreifen Gottes in die Welt unabhängig von Naturgesetzen glauben, erweist sich an sich selbst durch diese postmodernen Erkenntnisse als nicht haltbar, weil die Physik und alle empirischen Wissenschaften prinzipiell keine objektiven, die Wirklichkeit im umfassenden Sinne wahr beschreibenden Ergebnisse liefern können.

Das seit der kopernikanischen Wende erkannte selbständige und freie Subjekt muß ernstgenommen werden. Aber die Selbständigkeit und Freiheit des Menschen als Subjektes kann ihm nur dann zur Erfüllung, zum Glück und zur Freude dienen, wenn er sie als Durchgangsmoment erkennt, die er mit der Hingabe seines Lebens an Gott und den Nächsten ausfüllt, wie anschließend im systematischen Teil weiter entfaltet wird. Das sagt der Pietismus und seine Glaubensformen auf vollkommenste Weise, weshalb er auch in der Zukunft der Postmoderne aktuell bleiben wird.

Eine gute und praktische Folgerung aus diesem Ergebnis ist die Teilnahme am Jesus Tag - Marsch für Jesus am 20.Mai 2000 in Berlin.

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4. Systematischer Teil im engeren Sinne        (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

5.Anmerkungen        (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

6. Literaturverzeichnis        (wohin Sie durch diese Schaltfläche geleitet werden)

6.1. Quellen

6.1.1 Originalschriften

6.1.2. Sammel- und Auswahlbände

6.2. Sekundärliteratur

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